EngelsgewichtSymposion über das Lernen im 16. und 17. JahrhundertEs begann in den letzten Dekaden des 17. Jahrhunderts, dass die Gelehrten „die Frau“ als Thema ihrer Studien entdeckten. Wie der Philosophiehistoriker Joseph Freedman glaubt, sei diese Entdeckung Hand in Hand gegangen mit der Neigung, alles „Neue“ nicht so sehr mit Misstrauen abzutun, als mit Interesse zu betrachten. Zur selben Zeit sei auch das mathematische Konzept des „Unendlichen“ entwickelt worden.Um diese Zeit, die das Weibliche und die Unendlichkeit in einem epochalen Atemzug aufs Tapet brachte, drehte sich das 52. Wolfenbütteler Symposion, das sich mit dem „Universum der Gelehrsamkeit“ im 16. und 17. Jahrhundert befasste. Quer durch die alteuropäische Welt und bis ins amerikanische Harvard reichte das Spektrum der Beiträge, teils ging es um Universitätsgeschichte, teils um Doktrinen und einzelne Gelehrte. Joseph Freedman sprach über die Theoretisierung des Weiblichen. Barbara Bauer untersuchte die „Bibliotheca selecta“ des Jesuiten Antonio Possevino, „den ersten Versuch“, eine Bibliografie aller akademischen Disziplinen zu erstellen, die „nach ideologischen Kriterien“ geordnet war. William Newman beschrieb die Naturphilosophie des Harvard-Tutors Jonathan Mitchell, die selbst noch den Engeln Gewicht zubilligte, da sie – so Mitchell - zur Erde „niedersteigen können“. Der Himmel, an dem das Universum der Gelehrsamkeit aufgehängt war, ist der Aristotelismus, über dessen reaktionäres Potential Charles Lohr luzide Dinge sagte. Vermöge seiner statischen Wissenschaftsidee, vertrug der Aristotelismus sich ausgezeichnet mit politischem und religiösem Traditionalismus. Die aristotelisch verstandene Wissenschaft beruhte auf der Ableitung von Einsichten aus ersten Prinzipien. Diese wurden als bekannt vorausgesetzt. Experimente waren deshalb in den Wissenschaften nicht vorgesehen, Neues zu ersinnen war den sogenannten Künsten überlassen. Theologie und Metaphysik waren natürlich „Wissenschaften“. Wer von Aristoteles abrückte, war entweder recht modern oder ziemlich originell. In Spanien war das nicht üblich. Victor Navarro-Brotons erklärte es deshalb für gerechtfertigt, die spanischen Universitäten des 17. Jahrhunderts als „letzte Bastionen der Spätscholastik“ zu bezeichnen. Auch an den englischen Universitäten blieb man dem Aristotelismus verhaftet, wenngleich aus einem anderen Grund: „Es gab keine philosophische Kultur in England“, sagte Mordechai Feingold, Philosophie und Metaphysik seien kaum gelehrt worden. Als der Ansturm neuer Ideen einsetzte, hätten diese deshalb freie Bahn gehabt. Die Missachtung der Philosophie habe den Erfolg der „wissenschaftlichen Revolution“ in England möglich gemacht. Lob der Rhetorik Ein Einbruch in die Logik der katholischen Orthodoxie kam mit den Schriften Descartes’, die oft verboten wurden, und mit den Lehren des Calvinisten Petrus Ramus, der – gegen Aristoteles – die Logik an der Rhetorik orientierte und auch sonst für die praktische Anwendung des Wissens plädierte. In der Pariser Bartholomäusnacht, am 26. August 1572, wurde Petrus Ramus umgebracht. Doch hatte seine Lehre längst Einzug in Europa gehalten: Sogar in Spanien, an der Universität Salamanca, wurde darüber wild disputiert. Die Schweizer Universitäten waren uneins: Zürich und Genf lehrten die Logik nach Aristoteles, in Bern hatte der Ramismus die Oberhand, derweil Basel und Lausanne beides betrieben. Wolfgang Rother sprach in Wolfenbüttel über den Theologen Johann Rudolf Werenfels, der 1687 den Lehrstuhl für Eloquenz in Basel übernahm und behauptete, zwischen Aristotelismus und Ramismus gebe es keinen nennenswerten Unterschied. Überhaupt hielt er die meisten metaphysischen Streitereien für Ausflüsse einer schweren Krankheit, die in aller Regel aus falscher Semantik resultierte, aus Missverständnissen oder Großmannssucht der Redner, die einen Disput ohne Grund vertieften. Mochte Werenfels auch übertreiben, wenn er so tat, als seien Aristotelismus und Ramismus ohne weiteres vereinbar, so hatte er doch immerhin insofern Recht, als die von Ramus so geschätzte Rhetorik längst eine akademische Königsdisziplin und – mit einem Ausdruck Barbara Bauers – „die Schlüsselqualifkation“ geworden war, welche die Studenten befähigen sollte, den jeweiligen religiösen Gegner zu beschämen. Werenfels’ Theorie von der „Logomachie“ entstand rund vierzig Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Sie darf vielleicht auch als Reaktion auf diese Erschütterung des europäischen Kontinents gesehen werden: Wenn Ideen solche Kriege entfachten, dann mochte es sich empfehlen, überflüssige Ideenzwiste zu vermeiden. Die Modernisierung konnte – im Rahmen des Aristotelismus – zwiefach vor sich gehen: Entweder indem die Definition der Wissenschaft verändert wurde, oder indem einige Wissenschaften auf das Feld der Künste überführt wurden. Beides fand statt. Einerseits wurde das Experimentieren zur genuin wissenschaftlichen Aktivität. Andererseits verlor die Politik in dem Maße an Ansehen, als sie sich in eine „Staatskunst“ verwandelte, die mit dem „guten Leben“ nichts mehr zu tun hatte, sondern bloß als Mittel zur Durchsetzung bestimmter Ziele gesehen wurde. Diesen Vorgang zeigte Merio Scattola anhand der deutschen Länder. Vermutlich geschah es nicht zufällig in dieser Region, die vom Dreißigjährigen Krieg so heftig mitgenommen wurde. Franziska Augstein SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de | ||||